Symphonie

Werk


Boris Lehman    → Biografie anzeigen   
Romain Schneid
Belgien
1979
Französisch
1981
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Der Film ist allen jenen gewidmet, die während der Zeit der deutschen Besetzung Juden versteckten und jenen, die sich an der Widerstandsbewegung gegen den Feind beteiligten. Der Held des Films SYMPHONIE heißt Jacob Rabinovitch. Er ist Jude. In Wirklichkeit ist er Romain Schneid, und zwar so, wie sich dieser seinen Zustand im Jahre 1942 vorstellt. Damals war Belgien von den Deutschen besetzt und Romain, ein Kind von 12 Jahren, musste versteckt bei einer Dame leben, Madame Stine, in Etterbeck, einem Vorort von Brüssel, wo sich die Resistance formierte. Romain ist heute 49 Jahre alt. Er erinnert sich. Vor der Kamera erzählt er einige besonders dramatische Momente aus dieser Zeit (…) Er erzählt, aber er erfindet auch, er deformiert die Wahrheit. (…) Indem er mit sich selbst Dialoge führt und vor sich hinspricht, wird er durch den eigenen Text in die Vergangenheit projiziert, die ihn hervorgebracht hat. Der ganze Film spielt in der Gegenwart. Romain ist allein in seiner Wohnung. Er geht auf und ab. Er sitzt auf einem Stuhl, liegt auf seinem Bett. Er stopft seine Pfeife, ordnet seine Arzneimittel. Er macht Turnübungen, gießt sich eine Tasse Kaffee ein. Schaut zum Fenster hinaus. Er spricht — vielleicht in einem Delirium — wie eine Maschine, die Worte produziert, wie ein Patient auf der Couch des Psychoanalytikers. Nur das Filmteam hört ihm zu (oder gibt es vor) und nimmt ihn auf. Am Ende erblickt Romain sein eigenes Bild auf einem Fernsehschirm. Er spricht nicht mehr. Er hört zu. Er hört sich zu. Sein Bild beginnt zu sprechen. Zu erzählen, die gleiche Geschichte zu spielen, die sich von ihm gelöst und eine eigene Existenz gewonnen zu haben scheint. Die Geschichte wird unsere Geschichte; sie sollte niemals ein Ende finden. (Boris Lehmann, 1980, Forum/Berlinale) „Der Film enthält keine 'Rekonstruktion oder bildliche Umsetzung der Vergangenheit. Dies ist kein weiterer Film über die schreckliche Nazizeit. Dies ist das erste Zeugnis über das Innenleben der Eingeschlossenen, der Verfolgten. Wir waren vierzig, junge Juden im Dachboden des Hauses nie de Tange Nr. 40 in Namur. Und wir hatten nur unsere Träume, unser Innenleben, das uns in unserer Abgeschlossenheit Kraft gab. Dieses Innenleben, ähnlich wie das von Jacob Rabinovitch, teilte sich auf zwischen dem Zorn und den größten Hoffnungen für die Zeit nach dem Sieg. Unser Zorn auf die Deutschen, die der Welt die größten Philosophen und Musiker gaben, um plötzlich in der schlimmsten Barbarei zu versinken, war groß. Unsere Hoffnungen auf tiefgreifende Studien, wissenschaftliche Forschungen wurden enttäuscht. Aber einerlei! Sie hielten uns in den düstersten Stunden aufrecht. Dieser Film wurde gedreht als hommage auf den Mut und den inneren Reichtum, den die in der Illegalität lebenden jungen Juden bewiesen. Es gab Leute wie Jacob Rabinovitch, und niemand wird sie vergessen!“ (Romain Schneid, November 1979)