Transmission Attempts Relocated

Werk


Transmission Attempts Relocated
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Florian Zeyfang    → Biografie anzeigen   
Deutschland
2004
Englisch

Die grafische Überzeichnung existierender Film- und TV-Bilder mittels skizzenhafter Schwarzweiß-Animationen, die in ihrer Funktion kommentierend wie distanzierend sein können, stehen in der Videoarbeit TRANSMISSION ATTEMPTS neben dem Einsatz von Bildstörungen. TRANSMISSION ATTEMPTS setzt sich mit der Rolle von Film und Video als propagandistischem und politischem Medium auseinander.
„In TRANSMISSION ATTEMPTS / ÜBERTRAGUNSVERSUCHE ist eine weitere für Florian Zeyfang zentrale Technik der Aneignung zu sehen – das tracing, die Umrissabzeichnung, angefertigt nach projizierten Filmbildern und danach wieder abgefilmt und zu einer Stop-motion-Animation montiert. In diesem Fall stammen die Bilder aus Filmen von Harun Farocki/Andrej Ujica, Jean-Luc Godard/Jean-Pierre Gorin und Jean-Marie Straub/Danièle Huilliet. Sie werden mit den oft lakonischen Aussagen über die eigene (Medien-)Arbeit machenden Sentenzen der Originalstellen unterlegt – und außerdem mit einer Tonspur, die wie künstlich gealtert scheint, zu Beginn und am Ende sogar das an- und abschwellende Knistern beim Abtasten einer Vinylschallplatte imitiert. Solche Tracing-Filme haben eine doppelte Charakteristik: Das eine ist, dass Zeyfang sie variabel einsetzen kann – auf Monitoren oder als Videoprojektion, entweder auf eine Wandfläche oder auf eine seiner Brücken zum Realraum des Ausstellungsorts schlagenden Architekturen projiziert. Die strukturellen und materiellen Referenzen dieser Filminstallationen erweitern sich dann manchmal durch die Verwendung von quasi-zeichnerisch in die Projektionsflächen hineingeschnittenen Perforationen, beispielsweise in Form von Plänen konkreter architektonischer Situationen. Zum anderen bietet Zeyfang das Grund legende und einfache (Ab-)Zeichnen eine ausgezeichnet nachvollziehbare Technik der mimetischen Aneignung. Was im Titel als „Übertragung“ (oder versuchte Übertragung) bezeichnet wird, entsteht erst aus der Begegnung des subjektiv konnotierten Zeichnens mit dem (re)animierenden Abfilmen und Sequenzieren. In der technologischen Unterbietung des Ausgangsmaterials findet eine direkt ausgestellte Distanznahme statt, die es ermöglicht, das Gemachtsein der so angeeigneten filmischen Bilder umstandslos zu zeigen und fast zu versinnbildlichen. Zugleich mit ihrer Anonymisierung erhalten die durch die locker angewandte Beschränkung auf Umrisslinien ‚entleerten’ Filmbilder so etwas wie ein allgemein ästhetisches Gepräge – durch die Nachahmung in der Zeichnung werden sie von ihrer Ähnlichkeit befreit und werden zu Gegenständen neuer ästhetischer und inhaltlicher Verhandlungen. In den kurzen Tracing-Filmen, aber auch in den sie kontextualisierenden, kommentierenden Architekturen treffen sich also Materialien, Medien und Techniken, die selten in dieser Weise gemeinsam eingesetzt wurden: Werbung und Filmessay als Found Footage, Zeichnung und Animation, Videoprojektion und Rauminstallation. In frame by frame aufgenommenen Bilderfolgen entstehen animierte, gezeichnete Filme, die verschiedene, meist fotografisch bestimmte Bilder zur Grundlage nehmen und die Umrisse ihres Ausgangsmaterials schwarz auf weiß nachzeichnen. Dies geschieht durch die Beschränkung auf wenige Animationsschritte in extremer Verdichtung und Schnelligkeit – den historischen, noch dem Wahrheitsmedium Film verpflichteten Ausdruck der caméra stylo, bei der sich die reduzierte Verwendung der Kamera den Bewegungen des Zeichenstifts angleicht, verwirklicht und überwindet Zeyfang hier im gleichen Schritt. Durch die resultierenden ruckelnden Bilderpfeile entsteht der Eindruck einer gewissen Rohheit, die es erst nach einer Reihe von Wiederholungen erlaubt, der eventuell vorhandenen Narration zu folgen. Die eigentliche Arbeit liegt nun nicht in der minutiösen Kopie des in der Folge dekonstruierten Materials, sondern in einer fast modellhaft vorgeführten Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Techniken der filmischen Montage.“
(Aus: Clemens Krümmel, „Film und Zeichnung auf einem Tape von Florian Zeyfang“, in: Fokussy. Florian Zeyfang, Berlin 2004)
„TRANSMISSION ATTEMPTS überzeichnet eine Montage von Szenen aus Filmen von Straub/Huillet, Jean-Luc Godard und Pierre Gorin, sowie Harun Farocki und Andrej Ujica. Ihre Montage erzeugt keine neue oder auf neue Weise kohärente Erzählung. Stattdessen ist Zeyfang an der Spannung interessiert, die diese Filme zwischen den politischen und ästhetischen Funktionen des Film- und Videomediums selbst erzeugen. Die Art, wie er insbesondere den Farocki/Ujica-Film Videogramme einer Revolution verwendet, stellt TRANSMISSION ATTEMPTS in einen Diskurs über Video als dokumentarisches und propagandistisches Medium, als gesendetes Medium, welches das Potenzial besitzt, eine Öffentlichkeit zu erreichen, zu bilden und zu politisieren. Die gezeichneten Szenen von rumänischen Demonstranten auf den Barrikaden, die im Begriff sind von der Fernsehstation zu senden, die sie Ceaucescu gerade entrissen haben, transportieren daher nicht die spezifische Politik dieser Situation, sondern eine Bedeutung zweiter Ordnung, bei der es um eine der Rollen ausgestrahlter Bilder geht. Auf ähnliche Weise benutzt Zeyfang Sequenzen aus Tout Va Bien, die die Mühe eines Filmemachers, kommerzielle, künstlerische und politische Ambitionen unter einen Hut zu bringen, vermitteln. Von Bedeutung ist, dass TRANSMISSION ATTEMPTS gleich drei Mal zu einer Szene des Farocki/Ujica-Films zurückkehrt, in der es zu einer technischen Panne bei der Übertragung kommt. Den Höhepunkt bei dem Versuch der Opposition, das eigene Bild unter ihre Kontrolle zu bringen, zeichnet Zeyfang als ein kaleidoskopisches weißes Rauschen bestehend aus Linien und Pixel. In einem Augenblick der politische Sieg, im nächsten der Zusammenbruch. Dieses wiederkehrende Bild eines Sendefehlers, die Durchkreuzung der revolutionären Unmittelbarkeit des Mediums, ist für jemand aus Zeyfangs Generation wichtig. Für sie ist der politische Kampf in seinen traditionellen Formen der Bildvermittlung an sich bereits problematisiert, dabei eventuell gar unerreichbar.
(Aus: Bennett Simpson, "The Old Familiar Debates", in: Fokussy. Florian Zeyfang, Berlin 2004)
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