X Love Scenes
Werk
X LOVE SCENES ist der fünfte Teil eines als Serie angelegten Projektes, in dessen Mittelpunkt der Versuch steht, die Identitäten ikonischer weiblicher Figuren aus der Kinomoderne als zeitgenössische Versionen fortzuschreiben. Die bisher realisierten Produktionen (A Memory of the Players, 2001; Coming Attraction, 2002; X Characters/RE(hers)AL, 2003; X NaNa/Subroutine, 2004; X Love Scenes, 2006/7) sind interdisziplinär angelegt, und untersuchen historische und zeitgenössische Formen weiblicher Identität und Repräsentation. Dabei wird besonders die Geschichte von kinematografischen und theatralen Formen, sowie die Rolle der Neuen und auch der Massen-Medien (TV-Formate) in den Blick genommen. Ausgangspunkt der neuen Produktion stellt eine Ur-Trope des Kinos dar, die bis zu Edisons May Irwin Kiss aus dem Jahr 1896 zurückreicht: die filmische Konvention der Liebesszene, die hier als unaufgelöste, traumatische Wiederholung inszeniert wird. Eine Schauspielerin, eine Regisseurin und ein Scriptgirl auf einem Filmset; der männliche Hauptdarsteller ist abwesend. Er wird durch eine Markierung - ein weißes Kreide-X auf einem schwarzen Flag - ersetzt. Während das Scriptgirl seinen Text einliest, spielt die Schauspielerin ihre Liebesszene gegen eine Leerstelle. Diese Figur basiert auf der Giuliana aus Antonionis Il deserto rosso (1964). Die nun zur Schauspielerin gewordene Giuliana ist innerhalb des Film-im-Film-Settings in mehrere Sub-Charaktere aufgespaltet. Diese stellen neue Versionen der Bree aus Klute (Alan J. Pakula 1971) und der Hari aus Solaris (Andrej Tarkovsky 1972) dar, die schon in X Characters angelegt wurden. Das Scriptgirl geht auf Nana aus Godards Vivre sa vie (1962), und auf die in X Characters und X NaNa daraus entwickelten Varianten zurück. Schauspielerin und Scriptgirl erscheinen hier bereits in ihrer dritten "Fassung". Allein die Figur der Regisseurin beruht auf keiner filmhistorischen Vorlage. Die fünf Sequenzen markieren die Stationen einer Liebesgeschichte von der ersten bis zur letzten Begegnung, und sind jeweils einer Figur gewidmet. Die darzustellenden Liebesszenen beziehen sich auf die entsprechenden filmischen Vorlagen, und werden in immer neuen Versionen geprobt. X LOVE SCENES konzentriert sich auf die ineinander verwobenen Figurenfragmente als rhizomatische Updates und identitäre Relaisstationen, die codierte Botschaften aus einer technologisch inszenierten comédie humaine übermitteln. Die “andere Seite” des Blicks auf die/den Geliebte/n wird als Einstellung auf den Produktionsapparat als ein imaginäres Off, und so als Gegenschuß zu einem Begehren inszeniert, das der filmischen Liebesszene unauslöschlich eingeschrieben ist, hier jedoch ins Leere läuft. (CR) X LOVE SCENES wurde erstmalig im Rahmen von Forum expanded bei der Berlinale 2007 präsentiert.